Revolutionssplitter

25 Jahre danach ‐ Erinnerungen, Fragen, Thesen

Hoffnung ist nicht Optimismus, ist nicht Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat ‐ ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Wie schicksalhaft das Leben doch verfliegt! Du blickst zurück, die Stimmung leicht gedämpft: Nicht jeder der gekämpft hat, hat gesiegt. Nicht jeder, der gesiegt hat, hat gekämpft …

Ernst Röhl

Vor 25 Jahren

Herbst 1989. In dieser Zeit schien in der DDR ‐ nach vielen Jahren des Stillstandes und der Starre ‐ alles möglich. Alles schien offen und viele nutzen die Chance, etwas möglich zu machen. Eine Erfahrung, die die Menschen hier so bisher nicht kannten. Das war für viele sehr aufregend, faszinierend und elektrisierend zugleich. Für die Akteure und Vordenker dieses Aufbruchs und Umbruchs sowieso. Aber auch für viele, die bisher die Zustände duldeten. Und für die vielen plötzlich von den Umständen Getriebenen. Und jene, die noch immer mehrheitlich lieber Zuschauer blieben.

Der oft in Ost und West so stabil erschienene DDR‐Staat war aus dem Gleichgewicht gefallen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ohnmächtig geworden. Noch heute glaubt der Bürgerrechtler Steffen Reich, dass in dieser historischen Situation „der Gedanke, die Gesellschaft mittels legalen Möglichkeiten zu öffnen, ganz erheblich dazu beitrug, dass so viele Menschen damals bereit waren, sich im Neuen Forum zu engagieren. Wir vom Neuen Forum wussten natürlich, dass die Machthaber sich nicht an ihre Gesetze hielten. Sie selbst wussten das auch. Auch den DDR‐Bürgern war das klar. Die Verfassung beim Wort nehmen, obwohl jeder wusste, dass sie so wörtlich nicht gemeint war, das war der Trick. Das machten damals viele so … Das war nur scheinbar naiv … Erstaunlich ist, dass es dabei nur selten zu Zusammenstößen kam. Das war vielleicht einzigartig … Das hätte auch ganz anders ausgehen können.“ (1)

Viele Zeitgenossen empfanden diesen historischen Zeitabschnitt als das Jahr der fröhlichen Anarchie, in der plötzlich alles möglich war. Sogar die ostdeutschen Medien begannen offen und interessant zu berichten. Zu diesem Zeitpunkt hielt noch die Mehrheit der politisch aktiven Kräfte in der DDR die Reform innerhalb des bestehenden Staates und des gesellschaftlichen Systems für den einzig möglichen Weg tatsächlicher politischer Veränderungen. (2)
Was Wunder, dass in jener Zeit das Verfallsdatum für politische Ideen und Konzepte sehr kurz bemessen war. Deshalb entstand bei den Autoren spontan der Plan, unbedingt einen Weg zu finden, typische historische Momentaufnahmen mit hohem Aussagewert und vergleichendem Charakter zu sichern. Gesagt ‐ getan. Vom 21. Februar bis 17. März 1990, also bis einen Tag vor der ersten freien Wahl in der DDR, interviewten sie die Bürgerrechtler und Aktivisten der Wende Michael Arnold, Tatjana Böhm, Rainer Eppelmann, Gerd Poppe, Friedrich Schorlemmer, Wolfgang Ullmann, Christine Weiske, die Politiker Georg Gysi, Klaus Höpcke und Martin Kirchner, die Kirchenleute Gottfried Forck und Peter Zimmermann, die Wissenschaftler Jürgen Kuczynski, Dieter Segert, Dieter Wittich und Bernd Okun, den Schriftsteller Walter Janka und den Filmemacher Konrad Weiß zum Wendegeschehen.

Die Interviews wurden mittels Video aufgezeichnet und sollten später in Schulen und Universitäten der DDR in der Aus‐ und Weiterbildung Verwendung finden. Dazu aber kam es nie. In den Wirren des Umbruchs geriet das Material gänzlich in Vergessenheit und wurde sozusagen zu einer eingefrorenen Zeitzeugenerinnerung, die erst im Jahr 2008 von Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) wiederentdeckt wurden. (3)

Die Interviews waren keine Auftragsarbeit des DDR‐Instituts für Film, Bild und Ton (IFBT), wie gelegentlich behauptet und vermutet wird. (4) Idee und Initiative gingen vielmehr allein von den Autoren aus, die sich von ihrer Studienzeit und Mitarbeit in einem Forschungsseminar her kannten und sich im Januar 1990 per Zufall in Berlin wieder trafen. Begeistert und elektrisiert vom aktuellen Geschehen ist bei ihnen spontan die Idee entstanden, zeitzeugenschaftlich zu arbeiten, Meinungen, Stimmungen, Erfahrungen von verschiedenen Vordenken und Akteuren dieses radikalen Umbruchs dokumentarisch zu sichern und einer vergleichenden Analyse zu unterwerfen. Da die Autoren weder über genügend Geld noch über die erforderlichen technischen Mittel für ein solches Projekt verfügten, musste ein institutioneller Partner her. Und das schnell, die Zeit drängte. Da lag es auf der Hand dort anzufragen, wo in der DDR audiovisuelle Mittel für Lehre und Forschung traditionell produziert wurden. Das war in Berlin nur das IFBT. (5) Die Begeisterung dort hielt sich zunächst in Grenzen. Denn nirgendwo konnte man sich mehr versichern, ob man das auch wirklich darf. Schließlich gelang es nach ermüdenden Diskussionen doch, kurzfristig die erforderliche Technik und einen Kameramann sowie bescheidene finanzielle Mittel zu binden.

Das größere Problem war nunmehr, genügend für das historische Geschehen repräsentative Interviewpartner von dem Projekt zu überzeugen. Die Autoren verfügten in dieser Zeit, die aus Sicht des Alltagslebens chaotischer nicht sein konnte, weder über genügend aktuelle Adressen, noch über ein Büro oder personelle Ressourcen. Ganz zu schweigen von Telefonen, Handys oder Computern. Nicht einmal Visitenkarten oder informelle Drucksache waren vorstellbar. Einzige vorhandene Hilfsmittel waren neben der Videokamera primitive Schreibutensilien und eine ältere Schreibmaschine namens Erika. Dennoch gelang es in dieser kurzen Zeit durch vielfache persönliche Anfragen und Vorstellungsgespräche, genügend repräsentative Interviewpartner zu finden. Lediglich Hans Modrow und Lothar de Maiziére sagten aus Termingründen kurzfristig ab. Die Interviews fanden immer vor Ort statt, in den Büros oder Wohnungen der Interviewten oder in nahegelegenen Parks. Einmal auch in einer Mensa. Die Zeit war stets knapp bemessen. Vorgespräche zu den Interviews waren so gut wie nie möglich. Die Interviewfragen waren dem
IFBT ebenso wenig bekannt wie den Interviewpartnern. Auch die bereits stattgefunden Interviews spielten bei der Vereinbarung neuer Termine keine Rolle.

Das Besondere und Einmalige dieser Videointerviews besteht darin, dass sie als originäre Momentaufnahmen in einer historischen Situation entstanden sind, in der sich in atemberaubendem Tempo im gesellschaftlichen Leben wie im Leben der Interviewten und Interviewer gleichermaßen radikale Veränderungen vollzogen und die verschiedenen Vordenker und Akteure des Umbruchs mit vergleichbaren Fragen und Problemen zeitnah konfrontiert worden sind. Tagespolitische Ereignisse spielten hierbei ebenso wenig eine Rolle wie persönliche Befindlichkeiten.

Das zeitgeschichtliche Material aus der Zeit der Wende in der DDR ist groß, riesengroß. Seine Auswertung dauert seit nunmehr zwei Jahrzehnten an. Ein Ende ist nicht abzusehen. Und noch immer kommt wieder und wieder bisher unentdecktes Material hinzu. Auch die wiederentdeckten 18 Videointerviews von 1990 stellen nunmehr einen solchen historischen Splitter dar.

Zeitzeugen

Die Autoren haben ihr zeitgeschichtliches Material noch im Jahr des Entstehens systematisiert und ihre Fragen und Hypothesen publiziert. Im Herbst 1990 sind hierzu folgende zwei Artikel im DeutschlandArchiv erschienen: Ein Jahr danach. Auf der Suche nach Fragen und Antworten zur Wende in der DDR. (Heft 11/1990) Mit Vordenkern der Wende im Gespräch. (Heft 12/1990) Im ersten Beitrag standen die Analyse der Ursachen der Wende und die Charakterisierung ihrer Hauptakteure im Mittelpunkt der Auswertung. Im zweiten Beitrag hingegen wurden wichtige Auszüge aus den Videointerviews von verschiedenen Vertretern der Vordenker und Akteuren der Wende erstmals auszugsweise in Textform dokumentiert.

1. Ursachen der Krise

Die Autoren verdichteten die Inhalte der Interviewantworten und stellten zwei wesentliche Ursachen für die Krise fest. Ursachen, die dem sozialistischen Gesellschaftssystem als immanent angesehen wurden. Zum einen, dass der Sozialismus im Vergleich zu allen Spielarten der Marktwirtschaft ineffizienter war. Zum anderen, dass alle Versuche, diese ökonomische Unterlegenheit durch politischen, ökonomischen und sozialen Dirigismus zu kompensieren, nicht erfolgreich waren.

Diese beiden systemischen Defekte existierten in allen sozialistischen Staaten. Was zur Folge hatte, dass alle sozialistischen Staaten zeitnah in eine Existenzkrise gerieten. Insofern war der Zusammenbruch der DDR nur die deutsche Variante des Zusammenbruchs des sozialistischen Gesellschaftssystems überhaupt.

2. Hauptakteure der Wende

Aus den Antworten der Interviewten konnten vier Gruppen von Hauptakteuren der Wende in der DDR ermittelt werden:
a) gesellschaftssystem‐ und administrationskonforme Kräfte,
b) systemreformerische und administrationsablehnende Kräfte,
c) systemablehnende Kräfte, die sich für einen neuen Typ demokratischer und ökologischer Gesellschaft einsetzten, der weder realsozialistisch noch realkapitalistisch sein sollte,
d) Kräfte für den radikalen Systemwechsel zu sozialer Marktwirtschaft und westlichen Demokratie.

Maßstäblich für die Einordnung in diese Gruppen waren dabei nicht primär die soziale Stellung der Akteure, ihr Alter oder ihre Zugehörigkeit zu Parteien, sondern die für sie geltenden Wertvorstellungen und die vorhandenen Mentalitäten. Insofern war auch anzunehmen, dass diese Wertvorstellungen und Mentalitäten auch über eine oder zwei Generationen in den Köpfen der ehemaligen DDR‐Bürger weiterleben und das politische Klima des vereinten Deutschlands mitbestimmen werden. (6)

3. Phasen der Wende

Bei der Analyse der zeitgeschichtlichen Ereignisse vor 25 Jahren gingen die Autoren zunächst von sechs Phasen der Wende in der DDR aus:

Phase 1:     1985 bis Frühjahr 1989
Phase 2:     Mai 1989 bis Anfang September 1989
Phase 3:     Mitte September 1989 bis 9. November 1989
Phase 4:     10. November 1989 bis Mitte Januar 1990
Phase 5:     Mitte Januar 1990 bis 18. März 1990
Phase 6:     19.März 1990 bis 3. Oktober 1990

Es konnte festgestellt werden, dass sich die Hauptakteure der Wende in den einzelnen Phasen unterschiedlich entwickelten. Was zur Folge hatte, dass die Masse der DDR‐Bevölkerung in den einzelnen Phasen den Akteuren unterschiedlich stark folgte. Dadurch entstanden auch schnell wechselnde Mehrheitsstimmungen und ‐verhalten. Besonders in diesem Prozess war eine starke Politisierung der DDR‐Bevölkerung zu beobachten.

Der Erfolg bzw. Misserfolg der Hauptakteure der Wende und ihrer Repräsentanten hing in den einzelnen Phasen maßgeblich auch davon ab, wie sie die internationale Entwicklung des Zusammenbruchs des Sozialismus und das Verhalten der westlichen Führungsmächte dazu analysierten und in ihre politische Strategie einbanden.

4. Regionale Unterschiede

Schließlich verwiesen die Autoren auf regionale Unterschiede, ohne dies im Beitrag von 1990 weiter auszuführen. Die Auswahl der Interviewten zeigte dies jedoch bereits. Kamen doch fünf der Gesprächspartner aus Mitteldeutschland und die anderen aus Berlin. Insbesondere die vier
Leipziger Interviewten zeigten, dass diese Region in den Phasen 2 und 3 die entscheidende Rolle spielte und danach die regionale Vorreiterrolle von Berlin übernommen wurde.

Nach 25 Jahren

Als die beiden Beiträge 1990 im DeutschlandArchiv erschienen, waren die Autoren bereits auf dem Weg in die Wirtschaft. Ihr Wissen über die andersartige politische, ökonomische und soziale Entwicklung in Ostdeutschland war nunmehr hier gefragt. Die neuen Spielräume für ihre neue Tätigkeit waren entsprechend groß. Insofern konnten sie die weiteren Diskussionen zu den von den Interviewten und ihnen aufgeworfenen Fragen und aufgestellten Hypothesen nicht mehr intensiv mitführen, ja nicht einmal mehr überblicken.

Zur geplanten Produktion und zum Vertrieb der Videointerviews kam es in den Wirren dieser Zeit nicht mehr. Das Institut für Film, Bild und Ton (IFBT) wurde im September 1990 ‐ wie viele andere DDR‐Institutionen auch ‐ aufgelöst und ersatzlos abgewickelt. Sein Fundus wurde eingelagert und vergessen. Im Jahre 2000 wurde er an die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin übergeben und hier katalogisiert und archiviert.

Studenten des dortigen Studienganges „Konservierung und Restaurierung ‐ Audiovisuelles und Fotografisches Kulturgut“ entdeckten 2008 die Videointerviews im Archiv „als ein Stück Zeitgeschichte, das kaum aktueller und spannender sein kann“. (7) Sie machten mit großem Engagement unter Leitung des Bildwissenschaftlers Jan Henselder den damaligen Schwebe‐ zustand lebendig und entwickelten im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED‐ Diktatur ein Konzept für die Erhaltung und Veröffentlichung dieser „sehr interessanten Momentaufnahmen“. (8)

Am 5. November 2012 wurde schließlich das Material nach mühevoller Restauration im Rahmen der Veranstaltung Innenansichten. Unveröffentlichte Videointerviews aus der Zeit des demokratischen Umbruchs in der DDR in Gestalt digitalisierter Videodateien und eines Transkriptbuchs (9) an die Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin übergeben. Seither sind die Interviews und ihre Transkripte bei allen Kooperationspartnern zugänglich. (10)

Die Autoren sind gespannt zu erfahren, welche ihrer damaligen Fragen und Thesen empirische Bestätigung fanden oder noch finden. Ob sie überhaupt forschungsrelevant waren, oder ob andere zeitgeschichtliche Analysen und Hypothesen sie ins Abseits und Vergessen drängten oder noch drängen.

Sie sind schon zufrieden, wenn die von ihnen vor 25 Jahren geführten Videointerviews als zeitgeschichtliche Zeugnisse nachfolgenden Generationen erhalten bleiben und ihrem Verständnis für diesen aufregenden Zeitabschnitt der deutschen Geschichte etwas Hilfestellungen leisten. Allein schon damit hätte sich das Ziel ihrer damaligen spontanen privaten Forschungsinitiative realisiert.

Weiterführende Links:

Bundeszentrale für politische Bildung
Thüringer Schulportal
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Virtual Archive

(1)  Das hätte auch ganz anders ausgehen können. Interview mit Jens Reich. Berliner Zeitung Nr. 231 vom 04./05. Oktober 2014, S. 26
(2)  Vgl. ebenda
(3)  Vgl.: http://medienarchiv.htw‐berlin.de/?page_id=11
(4)  Vgl. Kerstin Bartels: Sicherung und Archivierung der Videoreihe „Videos zur Wende ‐ Umbruch in der DDR“. auf: www.htw‐berlin.de
(5)  Das Institut für Film, Bild und Ton (IFBT) war in der DDR von 1964 – 1990 für die Erstellung audiovisuellen Lehrmitteln für Hochschulen und andere wissenschaftliche Einrichtungen zuständig. Die Interviews sollten ursprünglich auf VHS‐Videokassetten vertrieben werden. Da das IFBT im September 1990 aufgelöst wurde, kam die Produktion der Interviews nicht mehr in den Vertrieb.
(6)  Vgl. Uwe Matthes: Die DDR‐spezifische Mentalität wird weiterleben. In: Das Parlament Nr. 27 vom 29. Juni 1190, S. 9
(7)  Andrea Bahr: Innenansichten. Unveröffentlichte Videointerviews aus der Zeit des demokratischen Umbruchs in der DDR. Veröffentlicht unter 2012‐11‐05_Veranstaltungsbericht.PDF auf: www.bundesstiftung‐ aufarbeitung.de
(8)  Ebenda.
(9)  Transkripte. Visual Culture Press. ISSN 2194‐5500, Berlin 2012. Anmerkung: Nur zur persönlichen, nicht‐ kommerziellen Nutzung in Lehre und Forschung. Diese Publikation wurde mit freundlicher Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED‐Diktatur von Visual Culture Press realisiert.
(10)  Die Interviewreihe wird von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, dem Deutschen Historischen Museum und der Stiftung Aufarbeitung archiviert. Sichtungskopien sind in der Bibliothek der Bundesstiftung Aufarbeitung einsehbar. Institutionen aus den Bereichen Bildung, Lehre und Forschung können zu Lehr‐ und Forschungszwecken eine DVD‐Edition bestellen (order@visualculturepress.com). Interviewausschnitte wurden auch veröffentlicht unter: http://archive.org/details/UmbruchInDerDdr‐ Interviewausschnitte.