Die große Angst der Europäer vor Migration

Just in dem Moment, in dem in Europa alle Zeichen der Zeit auf Veränderung stehen, verlässt der wohl größte Zeichen-Versteher Europas diese Welt. Umberto Eco (1932 – 2016) war vor allem Semiotiker. Einer, der nicht nur Zeichen als Fährten von etwas anderem zu lesen vermochte, der nicht nur verstand, was Zeichen bedeuten, sondern der auch erkannte, warum sie so gemeint waren. Dass Zeichen immer eingebettet sind in konkrete kulturelle und soziale, ökonomische und politische und oft auch religiöse Verhältnisse, in tatsächliches Leben also. Umberto Eco verstand so reale Geschichte immer als gelebtes Leben und immer auch als Lebens-Zeichen. Als eine Art Deutung und Erkenntnis, wo den Menschen ihre Lebenserfahrungen allein nicht weiterhalfen, sondern wo immer auch Klarheit über die Begriffe dieses Lebens, also abstraktes Denken unabdingbar war.

Das gilt auch für solchen Phänomene wie Immigration und Migration zum Beispiel. Im Alltag sehen oft Immigranten und Migranten gleich aus. Sie sind für uns im hektischen Alltag kaum zu unterscheiden. Wer sie für gleich hält irrt aber. Sie sind nicht gleich. Wer tatsächlich wissen will, wer sie wirklich sind, muss sich zwangsläufig die Mühe machen zu verstehen, in welchen Zusammenhängen ihr bisheriges Leben eingebettet war, aus dem sie kommen.

Wer heute an Umberto Eco denkt, denkt sicher vor allem an seinen Welterfolg Im Namen der Rose von 1980. Dort zeigt er uns – einer der ziemlich genau wusste wie Geschichte funktioniert -, dass Menschen, die wirkliches Wissen besitzen, sich vor der Zukunft nicht ängstigen müssen, sondern die Zeichen ihrer Zeit verstehen können. Sie können so auch lernen, ihr Leben konstruktiv zu gestalten und mit wenig Angst und Aggressionen zu leben.

Allein das ist für uns Anlass genug, sich heutzutage wieder der Gedanken von Umberto Eco zu erinnern. Mehr noch, ihn als Zeichen-Versteher unserer Zeit wirklich ernst zu nehmen. So zum Beispiel bei dem Flüchtlingsproblem, dass heuer so vielen Zeitgenossen den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Für jedermann, also auch für Politiker, leicht nachzulesen in seinem auch in Deutschland bereits 1998 erschienen Band Vier moralische Schriften. Dort schreibt er unter anderem hierzu: „Die Phänomene, die Europa noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist, dass Europa im nächsten Jahrtausend … ein vielrassischer oder, wenn man lieber will, ein ‚farbiger’ Kontinent sein wird. Ob uns das passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen.“ Er will uns damit sagen, Migration lässt sich weder durch Grenzzäune und Mauern, noch durch Armee und Polizei kontrollieren und verhindern. Auch sie können nicht aufhalten, was nicht aufzuhalten ist.

Für die Zukunft bleibt deshalb nur zu wünschen, dass dem christlichen Abendland – das sich in der Weltgeschichte so oft als ultimativer Hort der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und Schutzpatron der universellen Menschenrechte zu preisen wusste – sein Gott bestehen möge, damit Europa und mittendrin die Deutschen die Zeit-Zeichen bald wirklich erkennen und verstehen lernen. Und so bei ihnen anstelle der Angst vor unvermeidlichen Veränderungen große Lust auf selbstgestaltetes Leben treten kann. Dem großen Zeichen-Versteher Umberto Eco würde das sicher freuen. Denn er wusste nur zu gut, dass Europa nur durch fortwährende Migration so entstanden ist, wie wir es heute kennen. Begreifen wir also Migrationen als das, was sie sind: Naturgewalten. Die Migranten verändern dabei nicht nur sich selbst, sondern auch die Gesellschaften, in die sie kommen. Europa selbst ist das Resultat dieses immerwährenden Prozesses, auch wenn das viele Zeitgenossen heute scheinen völlig vergessen zu haben.

Der Berliner Migrationsforscher Michael Borgolte bringt diese Tatsache so auf den Punkt: Migration fand in der Geschichte schon immer statt. „Welthistorisch gesehen gibt es keine größere Kraft der Veränderung als die Migaration.“ Wenn Gesellschaften statisch bleiben, gehen sie zugrunde. Solche Veränderungen können wir allerdings nur aktiv mitgestalten, wenn wir sie wollen und aushalten.

Text: Dr. Horst Lange
Foto: fotolia.com